Nikolausverehrung in der Ukraine

Interview mit Dr. theol. Sergii Bortnyk
Kiewer Theologische Akademie, Ukraine

Die Kapelle knüpft an die mittelalterliche Verehrung des hl. Nikolaus als Patron der Schiffsleute an. Die Kapelle wurde 2004 eingeweiht.

Die Kapelle knüpft an die mittelalterliche Verehrung des hl. Nikolaus als Patron der Schiffsleute an.
Die Kapelle wurde 2004 eingeweiht.

Herr Dr. Bortnyk, wie wird der hl. Nikolaus in der Ukraine verehrt?

Der hl. Nikolaus ist in der Ukraine sehr verehrt. Die Kirchen, die in seinem Name geweiht sind, gehören sowohl zu der Orthodoxen Kirche, als auch der Griechisch-Katholischen Kirche. Populär ist er auch in Russland. Z.B. allein in der Stadt Moskau gibt es über 30 Kirchen, die seinen Name tragen.
Als ich die Gedanken zu diesem Interview gesammelt habe, habe ich wieder bestätigt, dass in Volksfrömmigkeit er vor allem für seine Barmherzigkeit geliebt wird.

Was schätzen die Menschen an dem Heiligen?

Vor allem ist das Barmherzigkeit, die ich schon genannt habe. In meinem Gedächtnis steht oft die Geschichte, als er drei Mädchen aus einer armen Familie geholfen dadurch hat, dass er in der Zeit ihrer Volljährigkeit ihrem Vater die Beutel mit  Gold geschickt hat. Wichtig in seiner Verehrung ist auch der Fakt, dass er mehrere Sachen eigentlich heimlich gemacht hat, ohne sich Ruhm und Ehre zu verlangen.
Der andere wichtige Aspekt besteht darin, dass er stark für den orthodoxen Glauben gekämpft hat. Obwohl die Geschichte kaum historisch ist, wird es oft erzählt, dass der hl. Nikolaus den bösen Häretiker Arius im ersten Ökumenischen Konzil (325) sogar geschlagen hat, weil der letzte falsch über Gott gelehrt hat.
Da Nikolaus in Ost und West verehrt wird – wo kann sein Beispiel helfen?Ich selbst bin etwas rational geprägt, deswegen äußere manchmal skeptische Positionen. So scheint es mit, dass er durch seine Liebe zu den armen Menschen manchmal mehr geschätzt wird als Christus oder Maria, die Mutter Gottes. So ist bei uns eine dreifache Ikone sehr populär, auf der alle Drei Personen gemalt sind. Statt der drei Personen der heiligen Dreieinigkeit sehen wir Christus, Maria und den hl. Nikolaus. Da diese dreifache Ikone  bzw. drei kleinere Ikonen, die nebeneinander aufgehängt sind, sehr beliebt sind, können wir mindestens verstehen, dass er fast so wie Christus geehrt wird. Theologisch ist das jedoch eine umstrittene Entwicklung.
Aber auf der anderen Seite, er ist eine Brücke in der Beziehung zwischen dem Westen und dem Osten. Viele Pilger aus der Ukraine fahren jedes Jahr nach Bari in Italien, um dort die Reliquien des Heiligen näher zu sehen und bei ihm zu beten.

Hier(in Westeuropa) ist Nikolaus Patron der Schüler und der Kinder. Er bringt ihnen am 5. Dezember abends Geschenke. Im Mittelalter war er Patron der Hanse. Als Patron der Schiffsleute finden sich in vielen Hafenstädten mittelalterliche Nikolauskirchen. – Wie ist es in Ihrem Land?

Bei uns ist Nikolaus auch sehr populär. Über Schiffe und Hansen kann ich nicht viel sagen, aber es gibt auch moderne Interpretationen, so dass die Ikone des Heiligen im Kosmos war. Das Projekt, das ich jetzt meine, war im 2010 und hieß „Der hl. Nikolaus ist ein Beschützer der Abteilung der russischen Kosmonauten“.
Der Tag am 19. Dezember, dem Festtag in der Orthodoxie, ist in vielen Familien mit kleinen Kindern ein Konkurrenztag zu Weihnachten oder zum Silvester, da gerade an diesem Tag die Kinder Geschenke vom hl. Nikolaus bekommen.

Sind dem Heiligen Kirchen geweiht? In Deutschland gibt es etwa 400 Pfarrkirchen und viele Kapellen, die ihm geweiht sind.

Ja, natürlich. Wie ich schon gesagt habe, gibt es viele solche Kirchen. Man unterscheidet bei uns „Nikolaus im Winter“, da dies am 6. Dezember im kirchlichen „julianischen“ Kalender (dasselbe wie am 19. Dezember im Staatskalender) gefeiert wird. Dieser Tag wird bei uns als Tag seines Todes also seiner Geburt in die Ewigkeit gefeiert.
Ende Mai feiern wir noch einen „Nikolaustag“. Am 22 Mai feiern wir die Übergabe seiner Reliquien nach Bari in Italien.

Gibt es besonders wichtige Kirchen, die wie in Bari oder in Saint Nicolas de Port oder die Nikolauskapelle am Wormser Dom eine größere Ausstrahlung haben?

Solche bedeutenden Beispiele gibt es in der Ukraine nicht. Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass in der Revolutionszeit viel zerstört wurde. Es gibt in Kiev eine schöne kleine Kirche „Hl. Nikolaus am Wasser“ und noch eine Nikolauskirche bei einem Krankenhaus. Es gibt auch eine schöne katholische Kirche in Kiev – die bis heute als „Haus der Orgelmusik“ verwendet wird.
Von großen Kathedralen kann ich eine Kathedrale in Petersburg (Russland) nennen – die Seekathedrale (Morskoj sobor), die am Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde und prächtig aussieht.

Gibt es viele, die auf seinen Namen getauft sind? Gibt es auch den Vornamen für Frauen, Nicole?

Für die Frauen gibt es keine Formen, aber unter Männern ist der Name populär. Als Witz kann man erzählen, dass bei uns die Erwachsenen oft mit dem Vorname und Vatername genannt werden – und von solchen „Nikolaj Nikolajevitch“ habe ich mehrmals gehört. So ist es auch bei meinem Chef im Außenamt unserer Ukrainischen Orthodoxen Kirche – er selbst heißt Nikolaj, sein Vater war Nikolaj und sein Geburtstag wird gerade am Namenstag von Nikolaus gefeiert.

Welchen Wunsch, welchen Vorschlag haben Sie an die Nikolausinitiative?

Natürlich gibt es Potential, Nikolaus als gemeinsame Figur für Osten und Westen zu verstehen. Aber für mich bleibt das Wichtigste, was mit diesem Name verbunden ist, – barmherzige Liebe zu armen und kranken Menschen und besonders für kleine Kinder. Wenn die letzte – romantische Atmosphäre um diesen Name weiter bleibt, würde ich mich sehr freuen.

Links: Nikolausverehrung in der Ukraine
         
Die bekanntesten Kirchen, die dem hl. Nikolaus geweiht sind, in
          verschiedenen Regionen der Ukraine 

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